„… das Gewehr holst Du morgen!“

Georg Helm hatte die Jagd in Airlenbach, einem Ortsteil von Beerfelden von 1945 bis 1969 gepachtet.

Helm’s Schorsch, wie er im Ort genannt wurde, war Landwirt, bewirtschaftete seinen ca. 50 ha großen Hof mit Kühen und Schweinezucht, betrieb nebenbei eine kleine Versicherungsagentur und war passionierter Jäger. Ab 1969 war Heinrich Neff der offizielle Pächter, aber Georg Helm bejagte bis zu seinem Tod den Bereich um seinen Bauernhof.

Sein Hof ist unmittelbar von den eigenen Feldern umgeben und geht zum Höhenrücken in den eigenen Wald über. In den Jahren nach dem 2. Weltkrieg wurden alte Baumbestände gerodet und großflächig mit Fichten, dem „Brotbaum“, aufgeforstet. Zusammen mit den Aufforstungen der anderen Waldbesitzer war so eine Fläche von ca. 150 ha Fichtendickungen entstanden. Somit erstreckten sich hinter den Feldern und Wiesen von Helm’s Georg und den anderen Landwirten große Fichtendickungen, die Einstand für alles Wild boten.
Abends, wenn „der Stall gemacht war“, d.h. das Vieh versorgt war, ging Helm’s Georg vom Hof aus auf einen der Hochsitze hinter dem Haus oder gar in die großen Dickungen hinein. Da er nicht mehr gut zu Fuß war, ging es dann im Dunkeln mit dem Stock nach Hause. Beim Laufen mit dem Stock störte ihn der Drilling und da ließ er ihn eben über Nacht auf dem Hochsitz stehen.

Der eingeheiratete Schwiegersohn Leonhard Trautmann, jung und beweglich, erhielt dann abends die Anweisung: „Am Hochsitz im „Viertel“ liegt rechts hinten eine Sau, die muss gleich geholt werden wegen dem Wildbret, das Gewehr, das holst Du morgen!“
Aus heutiger Sicht und mit den verschärften Vorschriften zur Waffenaufbewahrung ist das völlig unvorstellbar. Damals war das Wegenetz noch nicht so ausgebaut und manche Hochsitze waren nur vom Bauernhof aus erreichbar, so dass sich das Ganze doch etwas verständlicher darstellt.

Im Frühjahr 1976 fand Georg Helm bei der Feldarbeit auf der Saat direkt oberhalb seines Hofes eine für damalige Verhältnisse kapitale rechte Abwurfstange. Durch den Fund dieser Stange wusste er von der Anwesenheit eines starken Hirsches in den Dickungen hinter seinem Haus. Sobald die Hirsche jagdbar waren, saß er folglich hinter seinem Haus an den Obstbäumen an, um den Hirsch zu erlegen. Tatsächlich konnte er den Hirsch auch dort zur Strecke bringen, der passionierte alte Jäger war überglücklich.

Helm’s Georg verstarb 1980, aber das Geweih aus dem Jagdjahr 1976 mit der zugehörigen Abwurfstange hängt noch heute im Wohnzimmer auf dem Bauernhof Trautmann und wird wie ein „Familienschatz“ in Ehren gehalten. Gerne wird die Geschichte von der Erlegung an den Obstbäumen direkt oberhalb des Hauses voller Stolz erzählt.

Der Hirsch ist ein 12-Ender mit 4,9 kg Geweihgewicht, 160,12 I.P. und war auf der Trophäenschau 1977 einer der starken Ernte-Hirsche.

 

 

Günter Meffert, in der Hornung 2017