Der Fallwild-Hirsch

Das Dorf Airlenbach ist ein Ortsteil von Beerfelden und liegt im nördlichen Bereich des Rotwildgebietes Odenwald.

Nach der Feistzeit zogen die Hirsche zur Brunft in die südlicher gelegenen „Kahlwild-Reviere“ und das Revier Airlenbach war dann sozusagen „rotwildfreies Gebiet“.

Bereits zum Aufgang der Jagd, noch bevor die Hirsche abwanderten, hatte der Jagdpächter Heinrich Neff, genannt Heiner, einen starken Hirsch zur Strecke gebracht (Geweihgewicht 5,25 kg, 167,46 I.P.). Somit war der freigegebene starke Hirsch für  das Jagdjahr 1978 erlegt und die starken Hirsche waren für dieses Jagdjahr erledigt.

Als die Hirsche nach der Brunft in  ihre Einstände zurückkehrten, wurde ein starker Hirsch bestätigt, der vermutlich schwer krank war. Der Hirsch wurde mehrfach von Spaziergängern und im Wald spielenden Kindern gesehen. Dabei war der Hirsch ungewöhnlich vertraut, zeigte kaum Tendenzen zum Weglaufen und wenn er dies tat, wirkte er schwerfällig und extrem langsam.

Die Kunde von dem kranken Hirsch machte in den Jägerkreisen die Runde und alle hofften, den „Kranken“ erlegen zu können und so zu ihrem 1-er Hirsch zu kommen. Da der „kranke Hirsch“ von allen Mitjägern erlegt werden konnte, waren alle voller Jagdeifer und jeder träumte von der Erlegung seines „Lebenshirschs“.

Nachdem der Hirsch im Bereich „Kiesebuckel“ mehrfach gesichtet wurde, versuchten die Jäger mit gemeinschaftlichen Ansitzen den kranken Hirsch zur Strecke zu bringen. Doch alle Ansitze, manchmal mit drei bis fünf Jägern, blieben ohne Anblick und letztlich erfolglos. Auch „Pirschfahrten“ zur dummen Stunde blieben in dem Revierbereich ohne Waidmannsheil. Obwohl der Hirsch noch zweimal von Spaziergängern am helllichten Tag gesehen wurde, blieb er für die Jägerei unsichtbar und war irgendwann gänzlich verschwunden.

Alle Bemühungen und Anstrengungen blieben erfolglos und es wurde noch eine ganze Weile am Stammtisch darüber gerätselt, aber dieses Hirsch-Schicksal blieb  für lange Zeit ungeklärt. Hatte er eventuelle Forkelverletzungen ausgeheilt? War er weitergewandert? Oder was war sonst mit dem Hirsch passiert?

Mit dem 31. Januar ging die Jagdzeit zu Ende, die Verfolgung des kranken Hirsches wurde schließlich aufgegeben und geriet langsam in Vergessenheit. Im Frühjahr sickerte durch, dass ein Waldbesitzer im Kiesebuckel bei Forstarbeiten einen verluderten Hirsch gefunden und das Geweih nach Hause transportiert hatte. Kurz nach Bekanntwerden wurde der Jagdpächter Heiner Neff bei dem Finder vorstellig und holte die Trophäe ab, nicht ohne einen geringen Hirsch als Ersatz für den Hobbyraum des Finders zu überlassen.

Der Fallwild-Hirsch, dessen Todesursache letztlich nicht mehr festgestellt werden konnte,  war ein starker 14-Ender mit 5,6 kg Geweihgewicht und 170,04 I.P. und war damit noch stärker als der regulär erlegte Hirsch. Im Frühjahr  waren auf der Trophäen-Schau aus dem „Randrevier“ Airlenbach somit 2 Hirsche der Klasse I vertreten. Von den „zwei kapitalen Hirschen aus unserem Revier in einem Jahr“ wurde noch Jahre später erzählt.

Günter Meffert / In der Hornung 2017