Eine Abwurfstange – sogar für das renommierte Senckenbergmuseum

Im Jahr 1972 wurde im Revier Olfen eine ganz besondere Abwurfstange gefunden.

Das Revier Olfen umfasste damals 517 ha und wurde durch den Bachlauf in „Ost“ und „West“ unter den zwei Pächtern Herrn Faust (West) und Herrn Kutter (Ost) aufgeteilt.

Olfen liegt an der Nord-Ost-Grenze des Rotwildgebietes Odenwald und kann hinsichtlich der Rotwild-Population eher als Randrevier einstuft werden. Aber diese Randreviere sind ja oft die Einstände, die von heimlichen alten Hirschen aufgesucht werden. So standen öfters alte Hirsche Ausgangs des Winters und im zeitigen Frühjahr gerne im Süden des Reviers.

Im Bereich West war der spätere Allein-Pächter Klaus Nocher noch Jagdgast. Im diesem westlichen Revierteil wurde die Jagdaufsicht von dem Forstwart Ernst Lippert ausgeübt. Dessen Sohn Karl Lippert war Gemeinde-Lehrer in Sensbach und unterstützte seinen Vater bei der Revierbetreuung.

Eben jener Karl Lippert fand im Frühjahr 1972 die außergewöhnliche Abwurfstange auf den Almenäckern. Um genügend Zeit für die Suche der zweiten Stange zu haben, wurde als Fundort für längere Zeit der Privatwald Schroth angegeben. Dies nutzte letztlich alles nichts, denn die Passstange konnte von den Jägern nicht gefunden werden. Auch über die Stangensucher wurde nichts bekannt und die Passstange ist niemals aufgetaucht.

Karl Lippert war ein sehr zurückhaltender und verschwiegener Mann und so dauerte es eine ganze Weile, bis die Abwurfstange auf dem Jägerstammtisch landete. Die Begeisterung war groß und Alle waren voller Jagdpassion, dass so ein alter Hirsch im Revier stand und seine Visitenkarte zurückgelassen hatte.

Doch wem sollte die Abwurfstange nun gehören?

Der Finder Karl Lippert wollte sie natürlich nicht hergeben. Der Pächter, dem sie per Gesetz zusteht, war interessiert und der Jäger Klaus Nocher war auch von der Abwurfstange begeistert.

Aus der ganzen Diskussion wurde letztlich die Idee geboren, von der Stange Duplikate anfertigen zu lassen – aber von wem und wie?

Klaus Nocher, der damals in Gräfenhausen bei Frankfurt wohnte, wandte sich also an das renommierte Senckenbergmuseum in Frankfurt. Das Museum lehnte zunächst ab – ein international renommiertes Museum hatte Wichtigeres zu tun als eine Abwurfstange aus dem Odenwald zu reproduzieren. Als jedoch der bekannte Präparator Herr Löffler die Stange sah, stimmte er spontan zu – unter der Voraussetzung, dass auch eine Kopie für das Museum hergestellt werden durfte.

Nachdem der Finder die Stange unter „schwersten Geburtswehen“ übergeben hatte, wurden mit feinster Präparationstechnik drei Kopien hergestellt.

Hierbei wurde zunächst eine ungefähre Gipsschale hergestellt, die in 2 Halbschalen aufgeschnitten wurde. Dann wurde die Abwurfstange eingelegt und der verbleibende Zwischenraum mit dauerelastischem Material (Silikon) aufgefüllt, so dass wirklich jede Perle und Leiste abgebildet war. Nach Ausbau der Abwurfstange wurde der entstandene Hohlraum mit dem Präparationskunststoff ausgefüllt. In Feinarbeit wurden noch die letzten Ungenauigkeiten nachgefräst. Zuletzt wurden die Rohlinge exakt nach dem Original eingefärbt bzw. koloriert.

Groß war das Erstaunen bei der Abholung, denn von den vier Stangen, die da lagen, waren die Duplikate optisch nicht vom Original zu unterscheiden. Nur über das Gewicht, denn das Kunststoffmaterial ist deutlich leichter als die Geweihsubstanz, waren die Duplikate sofort zu erkennen.

Wie vereinbart erhielt der Finder Karl Lippert das Original zurück, der Jagdpächter und Klaus Nocher erhielten je eine Kopie und eine verblieb im Senckenbergmuseum als Anschauungsmaterial für einen alten Hirsch. Die Stange und ein Duplikat sind noch heute erhalten und befinden sich im Besitz der Familie Lippert bzw. von Herrn Klaus Nocher.

Die Stange zeigt schulbuchmäßig alle typischen Altersmerkmale wie untenliegende Masse, Alters-Rosen und deutlich konkaven Petschaft.

Die Stange wiegt auch nach 35 Jahren noch 2620 g.

Stangenlänge:  101,0 cm, Augspross: 27,5 cm, Mittelspross: 43,0 cm, Rosen-Umfang: 27,6 cm.

Eine normale Auslage vorausgesetzt, hat der Hirsch bei gleicher Passstange eine Punktzahl von   189,7 I.P. erreicht. Für eine „6-er Stange“ eine ganz enorme Punktzahl, zumal damals die besten Hirsche 180 bis 190 Punkte erreichten. Anmerkung hinsichtlich Punktwertung: Da keine Krone vorhanden ist, ist eine Messung der „dünnsten Stelle zwischen Mittelspross und Krone“ nicht möglich. Der „obere Stangenumfang“ wurde daher 25 cm oberhalb der Mittelsprosse gemessen.

Eigentlich ist die Stange nur eine deutlich ausgeprägte 6-er-Stange. Sie hat jedoch auch einen 6 cm langen Eisspross, so dass der Hirsch als 8-er zählbar war. Der kronenlose Teil der Stange oberhalb des Mittelsprosses, typisch für die sogenannten „Mörderhirsche“ , ist 70 cm lang! Es waren übrigens in der vorangegangenen Brunft keine Häufungen von Forkelverlusten festzustellen, vermutlich hat der alte Recke nicht mehr in vollem Umfang an der Brunft teilgenommen.

Günter Meffert / in der Feistzeit 2017

Foto der Originalstange von Karl Lippert; im Vergleich dazu eine 6-er-Stange vom 2. Kopf.

Originalaufnahme von 1972 mit unbekannten Abwurfstangen und Fallwildhirsch

Originalstange (oben) und Duplikatstange (unten)